Crowdsourcing ist ein globales Phänomen und bietet damit vollkommen neue Möglichkeiten der Arbeitsverteilung – und zwar in einer Ausprägung, die nicht nur die Industrienationen betrifft. Der Dienst texteagle.com beispielsweise sitzt in Kenia und damit in einem Land, dessen Bevölkerung etwa zur Hälfte arbeitslos ist – die Lohnkosten sind demenstprechend gering. Einzig der zumeist nicht vorhandene Internetschluss stellt ein Problem dar. Die Plattform vermittelt deswegen eine Auswahl kleinerer Jobs in Form von Textdiensten via SMS, die prinzipiell von jedem erledigt werden können, insofern er denn ein Mobiltelefon besitzt. Und man erinnere sich: Afrika ist der weltweit am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt.

Die Arbeitsanfragen der Kunden werden dabei in Microtasks zerlegt und an Mobiltelefon-Besitzer in der ganzen Welt verteilt. txteagle greift dabei nach eigenen Angaben auf einen Pool von über zwei Milliarden Nutzern aus circa 100 verschiedenen Nationen (überwiegend Entwicklungsregionen) zurück.

Zu den Tasks zählen z.B. kleinere Übersetzungsarbeiten, die Beschreibung von Bildinhalten, das Überprüfen von Fakten, die Bewertung der lokalen Relevanz von Suchergebnissen, die Transkription von Audioinhalten oder auch Umfragen. In der Regel simple Aufgaben, die jedoch nicht ausreichend von Computern erledigt werden können. Dabei liefert insbesondere der lokale Bezug einen klaren Mehrwert, beispielsweise durch die Gewinnung von Informationen zu lokale Märkten, wie Verbreitung und Preis eines bestimmten Produkts oder einer Produktgruppe in spezifischen Regionen. Ein weiteres Beispiel: Projektpartner Nokia benötigt Übersetzungen seiner Mobilfunksoftware für den Afrikanischen Markt (der allein im Fall von Kenia ca. 60 verschiedene Sprachen umfasst). Was ist da naheliegender als Nutzer aus der jeweiligen Region für diese Aufgabe zu rekrutieren? Allgemein werden zwei (inhaltlich ineinandergreifende) Servicekategorien angeboten:
GroundTruth™
“GroundTruth is a patent-pending mobile data collection platform that provides unique insight into the opinions, needs and behaviours of consumers in emerging markets – from brand reputation and product performance, to pricing and even local product availability. These insights are incorporated in GroundSwell, txteagle’s mobile consumer engagement platform.”
GroundSwell™
“GroundSwell enables global organizations to engage with their next billion consumers in emerging markets. As these economies undergo rapid expansion, hundreds of millions of consumers are joining the middle class – resulting in trillions of dollars of new purchasing power. txteagle’s GroundSwell mobile engagement platform provides clients with the ability to communicate and incentivize over 2.1 billion people.”
Um eine ausreichende Qualität der Arbeit zu gewährleisten, werden identische Aufgaben mehrfach und an verschiedene Micro-Jobber vergeben. Ab einem bestimmten Prozentsatz an Übereinstimmung kann davon ausgegangen werden, dass man die – zumindest statistisch – exakteste Lösung vorliegen hat. Manche Aufgaben, bepielsweise Übersetzungen, sind dagegen durchaus subjektiver Natur und damit schwierig der Qualitätskontrolle zu unterziehen. In diesem Fall kann es hilfreich sein, eine Person nach Erfahrungswerten basierend auf bislang geleisteter Arbeit einzustufen. Je zuverlässiger der Mirco-Jobber dabei in der Vergangenheit seine Lösungen abgeliefert hat, desto vertrauenswürdiger wird er eingestuft und desto besser fällt gegebenenfalls auch die Vergütung aus.
Essentiell für die Umsetzung von txteagle ist dabei auch eine funktionierende Infrastruktur für die Payments. In Entwicklungsländern, in denen die wenigsten Menschen ein Bankkonto besitzen, eignen sich dafür z.B. Bezahldienste wie mPesa, dem führenden Paymentprovider auf dem Afrikanischen Kontinent. Bei mPesa können Geldbeträge mobil empfangen und verschickt werden, um sie anschließend bei örtlichen Postfilialen oder Agenturen einlösen zu lassen. Außerdem besteht die Möglichkeit von Handygebührengutschriften. txteagle hat weltweit mit über 220 Mobilfunk Partnern Absprachen zur Airtime Compensation getroffen – mit einer Verfügbarkeit für über 50 verschiedene Währungen.
Gründer Dr. Nathan Eagle kam auf die Idee, als er an einem ähnlich gearteten SMS System für Blutspender in Kenia arbeitete.
Das zugrundeliegende Business-Konzept: Auftraggeber sollen zu vergleichweise günstigen Konditionen auf eine gigantische Mitarbeiterbasis zurückgreifen und die Einwohner der Entwicklungsländer ihr niedriges Pro-Kopf-Einkommen erhöhen können. txteagle zufolge kann ein geübter Micro-Jobber dabei bis zu drei Dollar die Stunde verdienen und Tasks wie z.B. Übersetzungsarbeiten werden rund 60 Prozent günstiger erledigt als bei einer Auftragsvergabe in Industrienationen. Richtig angewandt kann sich also eine win-win Situation für beide Parteien ergeben und Ansätze wie dieser können zumindest ein Stück weit dazu beitragen, das globale Wohlstandgefälle auszubalancieren.
In Kenia hat es begonnen…es bleibt spannend zu beaobachten, wo die Reise als nächstes hingeht.




Hallo Claudia,
ich habe ein Buch von Nathan Eagle gefunden. Vielleicht kannst Du das auch verlinken?
http://www.amazon.de/SMS-Uprising-Mobile-Activism-Africa/dp/1906387354
LG
Sonja
Hi Sonja. Freut mich, dass es Dir gefällt – Danke! Zu Deinen Fragen: Laut txtegale sind es insgesamt ’2.1 billion’, wie viele davon tatsächlich aktiv sind weiß man natürlich nicht. Der Ansatz mit den Verlagen ist sehr interessant. Werde mir direkt mal Gedanken dazu machen und dem ggf. bald einen eigenen Artikel widmen. Danke auch für den Link (kommt direkt mit in die Empfehlungsliste, die auch bald online geht). LG, Claudia
In diesem Zusammenhang ein interessantes Interview von Nathan Eagle:
http://www.research-live.com/features/the-power-of-text-in-the-developing-world/4004395.article
Leo, vielen lieben Dank für den Hinweis – sehr spannendes Interview.
Hallo Claudia,
dein Blog ist wirklich wunderschön. Ich habe mir schon einige Texte von Dir durchgelesen. Vielen Dank. Ich hoffe Du pflegst es weiter.
Ich habe zwei Fragen:
Gibt es zufällig Informationen wie viele Menschen bei texteagle.com mitmachen?
Wäre das auch ein Modell für Verlage in Deutschland?
Vielen lieben Dank aus München
Sonja