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häppchenweise – ein postpornografisches Fimprojekt: Interview mit der Regisseurin Maike Brochhaus

11.06.2012, 12:33 Aktuelles, Interviews Nora Burgard 1 Kommentar

“Sechs Menschen, ein Raum, ein Abend, ein Essen, viel Sinnliches und vieles zu Entdecken.Ein Film der zeigen will, wie Körper und Gemüter sich begegnen können, wenn man sie nur lässt…” häppchenweise ist ein postpornografisches Experiment zwischen ästhetischer Setzung und ehrlichem Wagnis, zwischen pornografischer Kunst und dem Versuch Sexualität in Gesprächen und Handlungen neu zu fassen. Was bedeutet Postpornografie? Was ist das Ziel des Experiments? Und wie wird Crowdfunding involviert? Ich habe mich mit der Regisseurin Maike Brochhaus über das Projekt unterhalten.

Nora: Was verbirgt sich hinter der Internetseite haeppchenweise.net?

Maike: häppchenweise ist ein postpornografisches Filmprojekt, dass sich selbst zwischen Kunst, Spielfilm, Experiment und Pornografie positioniert. Die Grundidee dahinter ist, dass an einem Drehabend 6 junge Menschen (als sie selbst auftretend, keine Schauspieler!) im Alter zwischen 20 und 35 Jahren zu einem Essen zusammenkommen und eine Art abgewandelte Version von Flaschendrehen spielen. Die Frage- und Aktionskarten des Spiels entwerfe ich selbst und sie sind offen für Ergänzungen unserer Supporter. Der gesamte Abend wird von mehreren Kameras begleitet. Das Ziel ist es einen Film zu machen der differenzierte Meinungen und Bilder zum Thema Sexualität, Beziehung, Pornografie und Geschlechteridentität zeigt. Ob dieser dann am Ende pornografische Darstellungsformen impliziert bleibt offen. Mir geht es vor allem darum den Druck komplett raus zu nehmen und experimentell-spielerisch zu schauen, wie weit Menschen gehen, die dem Thema Pornografie prinzipiell offen gegenüber stehen aber ohne jemanden am Set, der die Anweisung gibt: „So, und jetzt mal den Arsch in die Kamera und dann blasen bitte.“

Die Internetseite ist als Ergänzung zu unserem Auftritt bei Startnext gedacht und soll schon auf den ersten Blick den ästhetischen Anspruch des Filmprojekts vermitteln. Wir haben uns beim Design an bestimmte Wiedererkennungsmerkmale gehalten, die das Projekt optisch aber auch inhaltlich ausmachen, wie z.B. die authentische aber auch stylische indie-selfmade Note mit Hang zum NeoRetro Look. Aber auch der spielerische Charakter und die zwanglose Haltung sollte mit drin sein. Auf den zweiten, dritten und fünften Blick dient die Seite natürlich der umfangreichen Information zu allem was sich rund ums Projekt abspielt. Dazu gehört die Philosophie, vor dessen Hintergrund sich das Vorhaben positioniert genauso wie die auf Interaktion verweisenden Elemente, z.B. die Punkte „mitmachen“ und „unterstützen“.

Nora: Wie kam es zu dieser Idee und was wollt ihr erreichen?

Maike: Die Idee ist Resultat vieler verschiedener Einflussfaktoren, allen voran natürlich meinem Faible für offene Sexdarstellungen. Ich habe einen Lehrauftrag an der Universität als Dozentin der Kunstwissenschaft. Dort gebe ich Seminare zum Thema des Pornografischen im Kunstkontext und schreibe an meiner Doktorarbeit über pornografische Kunst am Beispiel des Filmkünstlers Bruce LaBruce. Mich interessiert alles was sich im Bereich der visuellen Darstellung von Körperlichkeit und Sexualität abspielt, vor allem an den Grenzen zwischen Populärkultur, Pornografie und Kunst. So zieht sich das Thema Pornografie einmal quer durch Privates und Berufliches. Ich analysiere Pornofilme und den wissenschaftlichen Diskurs darum, forsche zur pornografischen Kunst, spreche mit Studierenden über Pornografie und Pornokunst, mache einen pornografischen Film und, jaaaaaaaaa, ich schalte auch gerne mal Gehirn aus und Porno an. Ich sage immer gerne zu meinen Studenten, dass Pornografie, wenn man die Definition wertfrei herunter dampft, letztlich ein explizit sexueller Darstellungsmodus ist, dessen sich sowohl Pornofilme als auch Kunst, Spielfilme oder andere Formen der medialen Visualisierung bedienen können. Zudem ist gerade Sexualität ein Thema das jeden Menschen etwas angeht und uns somit alle verbindet. Konkret haben mich Charlotte Roches Flaschendreh-Format, das Pornfilmfestival Berlin und Spielfilme mit pornografischen Szenen wie z.B. Shortbus und vieles vieles mehr inspiriert. Eine befreundete Regisseurin, hat mich dann letztlich ermutigt die Sache einfach anzugehen. Et voilá, da bin ich!

Nora: Wie wird die Umsetzung ablaufen?

Maike: Wir werden mit unserem Architekten (ein Freund von mir) einen nach oben hin offenen Raum in einen bereits Bestehenden hinein bauen. Diesen künstlichen Raum richten wir entsprechend unseres NeoRetro Looks ein. Zwei Kameras werden darüber fest installiert. Hinter den Wänden mit verspiegelten Glasfenstern positionieren sich 2 Kameraleute. Ein zusätzlicher Kameramann hält sich im Innenraum auf. Über ein Headset werde ich mit den Kameramenschen in Verbindung stehen und über einen Monitor die genauen Bildaufnahmen nachvollziehen und beeinflussen können. Das ist ganz wichtig um eine bewusste ästhetische Setzung hinzubekommen. Außerdem wollen wir mit dekonstruktivistischen Mitteln arbeiten, d.h. es darf und soll auch mal eine Kamera oder ein Mikro mit im Bild sein und die Protagonisten dürfen und sollen die Künstlichkeit der Situation mit thematisieren. Es gibt ein Darsteller-Breafing in dem genau festgelegt ist wie wenig festgelegt ist. :) Da steht z.B. drin, dass Jeder zu jeder Zeit den Raum verlassen kann und Jeder jederzeit sagen kann (und auch soll!) was ihn/sie stört, was nicht gefällt oder wo die eigene Grenze liegt. Ich achte allerdings bei meiner Auswahl der Leute darauf, dass diese eine prinzipielle Offenheit mitbringen und setze auf den prickelnden Moment. Wenn am Ende pornografische Szenen entstehen, dann ist garantiert, dass kein Zwang dahinter steckt und erst das finde ich richtig heiß und befreiend.

Nora: Warum machst du das PostPorn Projekt?

Maike: Ich mache das Projekt, weil ich mehr kreative Darstellung expliziter, ehrlicher, differenzierter Sexualität fern ab von Druck, kategorialer Einengung und Plastiktitten sehen will. Ich bin prinzipiell Fan von unabhängiger, origineller und mit Herzblut produzierter Pornografie und möchte ein Statement für pornografische Kunst und somit für Kunstfreiheit im Allgemeinen setzen. Außerdem fühle ich mich dem Pro-Sex-Feminismus verbunden und kurbele diesen gerne ein bisschen weiter an.

Nora: Was ist die Definition von PostPorn? Wie verwirklicht ihr Postpornografie in eurem Projekt?

Maike: Postpornografie ist eine Bewegung, die ursprünglich aus dem Queer-, Transgender- und Intersex-Bereich kommt, aber mittlerweile eher ein Überbegriff für innovative Formate ist, die den Bereich sexueller Darstellungen subversiv angehen. Gemeinsam ist ihnen allen die Vorstellung von Sexualität und Geschlecht als eine konstruierte statt angeborene Größe. Deswegen können auch pornografische Darstellungsformen unsere Vorstellung und Beurteilung von Sexualität mit konstruieren. PostPorn kann die unterschiedlichsten Formen annehmen und sowohl in der Kunst als auch im Porno- oder Spielfilm verortet sein. Das was PostPorn neu und anders macht kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Bei uns geht es z.B. darum sich auf keine Kategorie festzulegen (wie Kunst oder Porno, homo- oder heterosexuell) und unsere Protagonisten bewusst nicht zu bezahlen, sondern Leute zu suchen die ein Statement setzen wollen, die die Idee gut finden und deswegen mitmachen und ihre Rolle darin nicht als Job begreifen. Zudem möchte ich Authentizität reinbringen aber trotzdem (anders als im überwiegenden Teil der Amateurpornos) eine ästhetische Idee umzusetzen und ein Experiment mit offenem Ausgang wagen.

Nora: Wie genau involviert ihr Crowdfunding?

Maike: Unser gesamtes Team arbeitet ohne Bezahlung, allerdings fallen Produktionskosten an und genau die wollen wir über Crowdfunding rein bekommen. Wir sind eine ganz freie, unabhängige Produktion und wollen das auch gerne bleiben. Deswegen haben wir auch den Weg des Crowdfundings gewählt. Ich finde das außerdem von der Grundaussage her schön, weil es zeigt, dass viele Leute involviert sind und gemeinsam in der Lage sind durch ihre vielen kleinen Beiträge eine Idee umzusetzen. Bei Startnext können sich die Leute zum Projekt informieren und wenn sie die Idee gut finden und möchten, dass sie umgesetzt wird, einen Betrag ihrer Wahl spenden. (http://www.startnext.de/haeppchenweise) Je nach Höhe des Betrags erhalten sie verschiedene Dankeschöns, wie z.B. den kostenlosen Download, ein häppchenweise-Höschen oder eine namentliche Nennung im Abspann und vieles mehr. Das Ganze ist zeitlich auf 3 Monate begrenzt, wenn wir bis dahin unseren Betrag (10.000 Euro) nicht zusammen bekommen erhalten alle Supporter ihr Geld zurück.
Damit das nicht passiert brauchen wir eine breite Öffentlichkeit und hoffen auch auch hier im Blog auf offene Gemüter zu stoßen, die einen Film wie häppchenweise sehen wollen und unterstützenswert finden.

Nora: Hast du eine genaue Vorstellung, wie das Projekt am Ende aussehen wird?

Maike: Klar habe ich die! Der Film wird ein Langspieler oder Kurzfilm (das kommt auf das Material an und wie wir im Schnitt einen spannenden Duktus hinbekommen) mit 70er Jahre Optik und langen, narrativen Sequenzen, die die Gespräche der Protagonisten begleiten. Der Dokumentarcharakter soll weniger über die formal-ästhetische Gestaltung (also die Bildoptik), sondern vielmehr über dekonstruktivistischen Mittel erreicht werden, z.B. indem der Kameramann in die Handlung involviert wird, eine Kamera oder ein Mikro im Schnitt auch mal drin bleiben und die Protagonisten das Künstliche der Situation offen thematisieren können und sollen. Die pornografischen Szenen – sofern sich diese ergeben – sollen nicht von den pornotypischen close ups auf Geschlechtsteile und -akte dominiert sein. Wenn es mal vorkommt, dass eine Sexszene für die Kamera nicht im Detail erfassbar ist, dann werden wir das als voyeuristischen Reizes nutzen. Eine Sichtschranke kann manchmal ganz schön reizvoll sein, weil in diesem Moment die Kamera wie eine Verlängerung des suchenden Rezipientenblicks agiert, der versucht seinem Motiv näher zu kommen. Das alles soll aber keinesfalls bedeuten, dass wir im Bereich der Erotik bleiben wollen, denn es kann auch durchaus explizit zugehen. Am Ende ist und bleibt der Film ein Experiment und das ist auch gerade das Spannende daran.

Was die Auswertung angeht: Es wird eine Premiere in Köln geben und wir werden den Film auf Festivals einreichen. Wenn Bedarf besteht können wir auch mehrere Screenings in Köln organisieren und eines speziell für die Supporter, bei dem auch die Protagonisten und das Team anwesend sein können. Ansonsten wird der Film als Download im Internet zu erwerben sein. Ein Angebot für eine DVD Produktion ist auch schon bei uns eingegangen……mal schauen mal schauen.

Nora: Vielen herzlichen Dank für das Interview!

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