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hostwriter: find a story – find a colleague – find a couch!

19.02.2014, 18:56 Aktuelles Nora Burgard-Arp 1 Kommentar

Mit hostwriter.org haben die drei Journalistinnen Tabea Grzeszyk, Tamara Anthony und Sandra Zistl ein soziales Netzwerk für Journalisten gegründet, das Kooperationen auf der ganzen Welt ermöglichen und Recherchereisen vereinfachen soll. Im Interview mit mir ist Co-Founder Tabea Grzeszyk:

Nora: Was ist hostwriter?
Tabea: Die taz hat hostwriter als „Couchsurfing für Reporter“ bezeichnet, aber es geht uns um mehr, als „nur“ den Schlafsack bei Kollegen auszurollen: hostwriter ist ein Netzwerk für Kooperationen unter Journalisten, journalistischen Bloggern und Dokumentarfilmern. Mitglieder können sich gegenseitig mit Tipps oder Kontakten unterstützen, zu internationalen Recherche-Teams zusammen schließen – oder eben ihr Gästezimmer für Kollegen zur Verfügung stellen. Vor allem aber bringt hostwriter Journalisten zusammen, die sich für ähnliche Themen interessieren: Wenn ich zum Beispiel über Rechtspopulismus in Europa recherchiere, kann ich über hostwriter nach Kollegen aus Frankreich, Polen und Finnland suchen. Liefert jeder ein Fallbeispiel aus seinem Land, können wir gemeinsam (noch) bessere Geschichten erzählen!

Nora: Was war ausschlaggebend für euch, das Projekt zu starten? Beziehungsweise wann war der Moment als ihr dachtet: „Die Welt braucht hostwriter“?
Tabea: Ich glaube, da hat jede von uns ihre eigene Geschichte. Für Tamara war so ein Moment, als in Bangladesch die Textilfabrik „Rana Plaza“ einstürzte und sie händeringend nach Kontakten vor Ort suchte. Für Sandra waren Recherchereisen mit journalists.network prägend: Wir drei sind im Vorstand des Vereins aktiv und haben die Idee für hostwriter dort entwickelt. Bei journalists.network organisieren Journalisten Reisen für Journalisten – eine schöne Erfahrung, dass man sich nicht die Butter vom Brot nimmt, wenn man auf Kooperation statt Konkurrenz setzt! Ich selbst war 2009 mit Couchsurfing u.a. in Syrien unterwegs; dort habe ich bei einem jungen Paar in einem Vorort von Damaskus gewohnt, wo überwiegend irakische Flüchtlinge wohnten. Das war ein Einblick, den ich nie bekommen hätte, wäre ich in einem Hotel abgestiegen. Solche Begegnungen möchten wir jetzt mit hostwriter für Kollegen ermöglichen!

Nora: Was ist das Konzept hinter der Plattform? Wie funktioniert hostwriter?
Tabea: Der erste Schritt ist die Akkreditierung: Uns ist der Nachweis, dass man tatsächlich als Journalist, journalistischer Blogger oder Dokumentarfilmer arbeitet, sehr wichtig – schließlich beruht hostwriter auf Vertrauen. Für die Betaversion setzen wir dabei ganz auf unsere Kooperationspartner und Botschafter: Wir schicken allen Partnern (dazu gehören u.a. Reporter ohne Grenzen, netzwerk recherche oder die Freischreiber) einen Code, den diese an ihre Mitglieder weiterleiten. Wird dieser Code bei der Akkreditierung angegeben, ist für uns gesichert, dass die Anfrage von einem Journalisten kommt. Jedes Mitglied legt dann in hostwriter ein Profil an, aus dem die eigenen journalistischen Interessen hervorgehen (z.B. Medium, Ressort oder Recherche-Interessen). Nach diesen Angaben funktioniert dann die Suche in hostwriter: So kann ich zum Beispiel Journalisten in Rio de Janeiro finden – oder Kollegen, die über Menschenrechtsverletzungen in Syrien schreiben. Als gemeinnütziges Unternehmen ist hostwriter dabei für alle Mitglieder kostenlos.

Nora: Von der ersten Idee zur Umsetzung: Welchen Weg habt ihr schon hinter euch?
Tabea: Die größte Hürde war anfangs die Finanzierung. Wir haben ein ganzes Jahr lang Anträge bei Stiftungen geschrieben, aber irgendwie fielen wir immer durchs Raster. Bis im Mai 2013 das Vocer Innovation Medialab einstieg, danach kamen Zusagen von der Hamburger Medienstiftung, StartSocial und der Rudolf-Augstein-Stiftung, das war unheimlich ermutigend! Auf uns kam dann erstmal eine Menge Bürokratie zu: Wir haben hostwriter im September 2013 als gemeinnützige Unternehmergesellschaft (gUG) gegründet, ein Geschäftskonto eröffnet und unsere Internet-Domains gesichert. Neben der Planung, wie hostwriter aussehen und welche Funktionen es genau haben soll, galt es weitere rechtliche Dinge zu klären: Über das Beratungsstipendium von StartSocial kamen wir an eine Hamburger Anwaltskanzlei, die uns die AGBs unter Berücksichtigung deutschen und internationalen Rechts formuliert hat. Parallel haben wir ein Erklärfilmchen gedreht und einen Blog und Seiten auf Facebook und Twitter angelegt, um hostwriter bekannter zu machen und unser work-in-progress zu dokumentieren.

Nora: Wie ist der aktuelle Stand? Wann wird hostwriter an den Start gehen?
Tabea: Gerade sind wir in Verhandlungen mit einer NGO, die sich auf Sicherheit im Internet spezialisiert hat. Uns ist wahnsinnig wichtig, einen kompetenten Partner in Sachen Datenschutz an unserer Seite zu haben. Denn wir wollen hostwriter so sicher wie irgend möglich machen. Die Beta-Version ist für Anfang Mai 2014 geplant. Da man dafür eine Einladung braucht, suchen wir übrigens noch Journalisten, die Lust haben, hostwriter zu testen und den Code an ihre Kollegen weiterzuleiten. Wenn jemand Interesse, freuen wir uns sehr über Zuschriften an news@hostwriter.org.

Nora: Was waren die größten Herausforderungen bisher?
Tabea: Zeit und Geld sind vielleicht die größten Herausforderungen. Unsere Fördergelder fließen komplett in die Arbeit unserer Designerin Stephanie Sussbauer und der Programmiererin Kirsten Schelper, die tolle Arbeit machen. Wir Gründerinnen Tamara Anthony, Sandra Zistl und ich arbeiten bisher ehrenamtlich. Sandra und ich sind selbstständig, also geht die Zeit komplett ab von der journalistischen Arbeit – aber gerade ist hostwriter uns das wert! Außerdem schreiben wir weiterhin Förderanträge, vielleicht können wir uns in Zukunft eine Aufwandsentschädigung zahlen, das wäre toll. Außerdem ist eine Herausforderung, sich untereinander ständig auf dem aktuellen Stand zu halten. Oft passiert so viel gleichzeitig! Wir benutzen ein Online-Planungssystem namens „Trello“, wo wir die wichtigsten Updates zum Nachlesen hochladen – aber da kommen natürlich keine „sensiblen“ Infos drauf. Deshalb verbringen wir viel Zeit in regelmäßigen Telefonkonferenzen und persönlichen Treffen.

Nora: Wie wird sich hostwriter zukünftig finanzieren?
Tabea: Zurzeit sind wir komplett stiftungsfinanziert. hostwriter ist für Mitglieder kostenlos, da wir niemanden aus finanziellen Gründen ausschließen wollen – gerade weil hostwriter ein globales Netzwerk ist. Nichtsdestotrotz ist uns klar, dass wir mittelfristig ein Geschäftsmodell brauchen. Dabei geht es aber nicht darum, Profit zu machen – wir haben uns als gemeinnütziges Unternehmen gegründet, das Gewinne ausschließt. Um die laufenden Kosten zu decken gibt es die Überlegung, in Zukunft ein Freemium-Modell anzubieten. D.h. dass die Grundfunktionen von hostwriter immer kostenlos bleiben werden, aber es könnte zusätzlich ein erweitertes Modell mit Zusatzinformationen geben. Aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik!

Nora: Ihr seid sehr präsent in den Medien. Was waren die wichtigsten Learnings für euch beziehungsweise was konntet ihr aus der Kritik mitnehmen?
Tabea: Feedback ist immer sehr hilfreich und wir sind jedesmal dankbar dafür! Wir durften uns bisher über viel Unterstützung freuen – aber gerade auch die negativen Nachfragen sind wichtig. Da wir noch in der Entwicklung sind, fließt solche Kritik auch direkt in unsere Arbeit ein. Ein Beispiel: Eine Kollegin der Deutschen Welle äußerte in einem Videobeitrag die Befürchtung, dass Kollegen auf hostwriter ihre Geschichten „stehlen“ könnten. Das wäre natürlich das Gegenteil dessen, was wir mit hostwriter erreichen wollen! Deshalb gibt es in unseren AGBs eine Passage namens „code of ethics“, in dem wir verbindliche Regeln für kollegiales Verhalten definieren. Jeder hostwriter muss diesen „code of ethics“ bei der Anmeldung akzeptieren, daher können wir im Fall von Missbrauch solche Mitglieder schnell wieder ausschließen, sobald wir mithilfe eines „report a violation“-Buttons darauf aufmerksam gemacht wurden. Wir haben die Kritik der Kollegin zum Anlass genommen, ihr Beispiel explizit in unseren Code aufzunehmen. Der Entwurf zu den „code of ethics“ steht auch auf unserem Blog. So kann jeder draufschauen und uns Bescheid sagen, wenn ihm oder ihr noch etwas fehlt.

Nora: Habt ihr eine Prognose für die Zukunft des (digitalen) Journalismus?
Tabea: Das Internet bietet die Möglichkeit, sich weltweit mit Gleichgesinnten zu vernetzen – doch dieses Potential wurde durch die bekannt gewordene Massenüberwachung unvorstellbaren Ausmaßes infrage gestellt. Ich hoffe, dass es Geheimdiensten wie der NSA nicht gelingen wird, eine internalisierte Mentalität der Zensur in unseren Köpfen einzupflanzen, die dazu führen kann, dass wir uns überhaupt nicht mehr im Internet engagieren. Ich wünsche mir daher für die Zukunft des (digitalen) Journalismus, dass das Gefühl der Ohnmacht mithilfe von Verschlüsselungstechnologien und ausgeklügelten Vorstößen (wie z.B. dem TOR-Projekt zum anonymisierten Surfen im Internet) gebannt werden können. Damit wir – gerade auch als Journalisten – das Internet nicht den Geheimdiensten überlassen.

Vielen Dank für das Interview!

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