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Krautreporter: „Wir haben ein Zeichen gesetzt“ – Interview mit Alexander von Streit

04.06.2014, 14:58 Aktuelles, Interviews Nora Burgard-Arp

Über kaum eine andere Crowdfunding-Kampagne wurde und wird in letzter Zeit so viel berichtet und diskutiert wie über das Funding für Krautreporter: 900.000 Euro von 15.000 Investoren sollen für das Online-Magazin zusammenkommen, 60 Euro pro Person für das erste Jahr Krautreporter. Dafür verspricht die Redaktion ihren Lesern hochwertig recherchierte und digital aufbereitete Reportagen ohne Werbung oder Paywall. Erreichen die Initiatoren das Ziel und Krautreporter wird wie geplant im September 2014 gelauncht, würde dies einen großen Schritt für den unabhängigen Journalismus bedeuten.
Die Kampagne ist am 13. Mai gestartet und hat noch neun Tage vor sich – Zeit für ein Zwischenfazit!
Wir haben uns mit dem designierten Chefredakteur des Magazins, Alexander von Streit, unterhalten. Ein Gespräch über die Stärken und Schwächen der Kampagne, die Zukunft von Krautreporter und die Entwicklung des (Online-)Journalismus.

Krautreporter

Nora: Ihr steht momentan bei 6671 von 15.000 Unterstützern (Stand: 04.06.2014). Was lief bisher gut, was weniger gut?
Alexander: Wir hatten einen überwältigten Start mit einem riesigen Medienecho und unzähligen Reaktionen im Netz. Das ist großartig und hat uns noch einmal darin bestärkt, dass es richtig war, dieses ambitionierte Projekt anzugehen. Immerhin ist die Größenordnung, in der wir das Crowdfunding angelegt haben, bislang einzigartig in der deutschen Medienlandschaft. Die Unterstützerzahlen lassen uns nach wie vor hoffen, dass wir am Ende Erfolg haben können. Über 6000 Menschen, die mehr als 400.000 Euro in unsere Idee investieren wollen, das ist wirklich ein Statement und ein gutes Zeichen für den Journalismus abseits gängiger Strukturen. Aber es wird ein schwieriger Ritt. Zumal wir ja auch durchaus in der Kritik stehen, diese Kampagne nicht optimal zu begleiten. Und tatsächlich ist vieles nicht perfekt. Wir haben es vor allem im gewaltigen Ansturm der ersten Tage nicht geschafft, schnell genug zu kommunizieren. Wir sind einfach nicht hinterher gekommen und mussten zusätzlich auch technische Probleme lösen. In der aktuellen Phase sind wir in der Außenwahrnehmung offensichtlich nicht präsent genug, obwohl wir über unser Blog, über Facebook, Twitter sowie direkt per Mail kommunizieren. Das wird uns als mangelndes Engagement ausgelegt, was aber definitiv der Fall ist. Da hätten wir von Anfang an besser sein müssen und müssen es auch noch werden.

Nora: Nehmen wir an, ihr startet morgen noch einmal: Gibt es eine Sache, die ihr anders machen würdet?
Alexander: Wir würden die Kampagne wohl noch besser vorbereiten, belastbare Strukturen für die Kommunikation schaffen und versuchen, ein tieferes Verständnis für unsere Idee zu schaffen. Aber das ist natürlich alles Theorie. In der Praxis gibt es auch so etwas wie ein Momentum, in dem sich eine Sache genau richtig anfühlt und die Energie bei allen beteiligten da ist. Das war bei uns der Fall und wir haben uns am Ende dazu entschieden, mit der Bereitschaft zum Unperfekten zu starten.

Nora: Erläutere doch bitte noch mal, was die Unterstützer genau davon haben, wenn sie 60 Euro spenden. Wie können sie motiviert werden, euch zu unterstützen?
Alexander: Erst einmal geht es darum, eine Idee zu ermöglichen, die gesellschaftliche Relevanz hat. Nämlich in der aktuellen Medienlandschaft im digitalen Bereich einen unabhängigen Ort zu schaffen, in dem Journalismus nicht dem Reichweitenprinzip, also der Finanzierung durch Werbung unterliegt. Denn diese Orientierung an die Vermarktbarkeit von Inhalten verändert die Agenda einer Redaktion zwangsläufig und zwar meist nicht zum Wohle der Leser. Wir haben uns dabei bewusst gegen einen Paywall-Ansatz entschieden, wie ihn zum Beispiel das niederländische Projekt „De Correspondent“ verfolgt, deren Macher wir mehrmals getroffen haben. Unsere Geschichten werden frei verfügbar sein, weil wir der Überzeugung sind, dass Journalismus eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllt und die Menschen erreichen soll. Der konkrete Benefit für unsere Mitglieder neben der Realisierung dieser Idee sind die zusätzlichen Bereiche, die nur ihnen zur Verfügung stehen werden. Dort können sie das Projekt direkt mitgestalten.

Nora: Wie wird die Crowd in den redaktionellen Prozess miteinbezogen?
Alexander: Nur unsere Mitglieder haben die Möglichkeit, die Geschichten auf Krautreporter zu kommentieren. Und das bereits vor Erscheinen der Storys, was ein viel weiter reichender Ansatz ist, als ihn gängige Online-Angebote verfolgen. Wir verstehen die Krautreporter-Mitglieder als Teil des Projektes, sie erfahren exklusiv vorab, woran wir arbeiten, können Input dazu geben und in den direkten Diskurs mit unseren Autorinnen und Autoren eintreten. Auch vertiefende Informationen zu unseren Geschichten, etwa Recherchematerial oder komplette Interviews, sind nur im Mitgliederbereich verfügbar. Zudem wollen wir auch den Journalismus auf die Straße bringen und uns vor Ort mit unseren Unterstützern treffen – etwa für Lesungen oder zum Beispiel mit Führungen zu Themen, die wir recherchieren.

Nora: Habt ihr ursprünglich auch daran gedacht, sukzessive zu funden? Also zunächst die erste Hälfte, dann die zweite der Gesamtsumme?
Alexander: Das stand nicht zur Debatte. Das Projekt ist solide durchgerechnet und funktioniert nur, wenn wir mindestens 15.000 Mitglieder haben. Nur dann können wir eine den Anforderungen gerecht werdende Online-Plattform programmieren und knapp ein Jahr lang mit unserer Arbeit beweisen, dass wir unserer Aufgabe gerecht werden. Hätten wir erst einmal nur die erste Hälfte anvisiert, dann hätten wir zwar jetzt unser Ziel schon fast erreicht, würden aber das ganze Projekt gefährden. Dann würden wir nämlich kurz nach dem Start schon wieder vor einer Finanzierungslücke stehen und hätten zu wenig Zeit, um neue Unterstützer durch unsere Arbeit zu überzeugen. Das wäre unverantwortlich allen gegenüber, die uns dann bereits mit ihrer Unterstützung das Vertrauen ausgesprochen hätten. Deswegen haben wir uns für den schwierigen Weg entschieden, eine so hohe Zahl von Mitgliedern im Crowdfunding zu finden. Es geht nur alles oder nichts.

Nora: Wie geht es dann im zweiten Jahr weiter? Startet ihr wieder ein Crowdfunding?
Alexander: Das aktuelle Crowdfunding soll das Projekt ermöglichen. Danach werden wir versuchen, durch die Qualität unsere Arbeit neue Mitglieder zu gewinnen. Ein weiteres Crowdfunding im Sinne der aktuellen Kampagne ist dabei nicht vorgesehen. Es ist vielmehr ein kontinuierlicher Prozess, in dem wir dann weiter wachsen wollen.

Nora: Was passiert mit Krautreporter als Crowdfunding-Plattform? Sie soll ja in die Webseite integriert werden, wie wird das genau aussehen?
Alexander: Wir haben die Kampagne für das Krautreporter-Magazin erst gestartet, als alle bisherigen Projekte dort abgeschlossen waren. Mit dem Start des Magazins wird die ursprüngliche Crowdfunding-Plattform parallel dazu wieder online gehen – vermutlich als Subdomain, also nicht direkt im Magazin integriert. Wir setzen für die aktuelle Kampagne gerade eine neue Technologie ein, die dann künftig Grundlage für die gesamte Crowdfunding-Plattform sein wird.

Nora: Warum habt ihr so lange ein Geheimnis aus der Kampagne gemacht und nicht die Wochen vor dem Start schon genutzt, um die Werbetrommel zu rühren?
Alexander: Das wäre natürlich möglich gewesen. Ich glaube aber nicht, dass es unbedingt besser gewesen wäre. Allerdings haben wir im Vorfeld auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass wir an dem Projekt sitzen. Zumindest, wenn uns jemand darauf angesprochen hat. Aktiv kommuniziert haben wir erst zum Start, um möglichst vielen Interessierten dann auch mit der Crowdfunding-Website und unserem Blog die nötigen Informationen bereitstellen zu können.

Nora: Wenn das Funding erfolgreich ist: Was bedeutet das – deiner Meinung nach – für den Journalismus in Deutschland?
Alexander: Es wird zeigen, dass es möglich ist, neue Wege zu gehen. Und es wird anderen Menschen Mut machen, selbst etwas auszuprobieren. Es wird auch zeigen, dass es ein Bedürfnis nach einer Erweiterung der Medienlandschaft gibt, die sich den gängigen Strukturen verweigert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir das bereits jetzt geschafft haben. Wir haben ein Zeichen gesetzt, das geht nicht mehr weg.

Nora: Über euch wurde und wird zum Glück sehr viel berichtet – positiv wie auch negativ. Gibt es irgendetwas, was noch nicht geschrieben wurde, du aber unbedingt loswerden möchtest? Oder: Was willst du noch mal betonen?
Alexander: Wir brennen für diese Idee. Und wir haben uns weit aus dem Fenster lehnen müssen, um sie zu formulieren. Manche Journalistinnen und Journalisten fühlen sich dadurch angegriffen. Aber wir wollten nie die Arbeit unserer Kollegen diskreditieren, sondern wollten beschreiben, wie die Finanzierungsmodelle im Online-Bereich den Journalismus verändern. Und wir wollten eine Idee dagegensetzen, die andere Rahmenbedingungen schafft und so eine weitere Facette im Online-Journalismus ermöglicht. Ich habe selbst über fünf Jahre in einem Online-Medium gearbeitet und kenne die Arbeitsbelastung, unter der digitaler News-Journalismus entsteht. Alle Kolleginnen und Kollegen, die diese wichtige Aufgabe wahrnehmen, haben meinen vollen Respekt.

Vielen Dank für das Gespräch, Alexander! Wir drücken die Daumen.

Hier könnt ihr Krautreporter unterstützen.

Alexander von Streit über Krautreporter

Alexander von Streit, Krautreporter from Krautreporter on Vimeo.

Sebastian Esser über Krautreporter

Sebastian Esser, Krautreporter from Krautreporter on Vimeo.

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