Supermarkt der Zukunft

April 9, 2018

 

 

 

Ein Supermarkt ganz ohne Kassenschlangen, dafür mit viel Hightech und Sensorik in den Regalen. Beim Verlassen wird der fällige Betrag einfach online abgebucht. Nerviges Anstehen am Band entfällt. Damit experimentiert der Online Retail-Gigant Amazon gerade in den USA. In Seattle, dem Hauptsitz des Konzerns, ist bereits der erste bargeldlose "Amazon Go" Test-Store in Betrieb.

 

Während immer mehr stationäre Händler und Supermarktketten in den vergangenen Jahren ihr Geschä in Richtung online erweitert haben, geht Amazon nun den exakt umgekehrten Weg. Auf etwa 1.800 Quadratmetern bietet „Amazon Go“ im Rahmen des Testbetriebs bereits eine breite Produktpalette an, darunter auch Obst und Gemüse. Neben fertigen Kochpaketen zum Mitnehmen soll es außerdem eine Live-Cooking-Area geben.

 

Das eigentlich Spannende an dem Modell ist aber, dass der Betrieb komplett bargeldlos funktionieren soll. Das erfordert ein Höchstmaß an Technik. Etliche Sensoren überwachen die Bewegungen der Kunden und Waren. Der klassische Amazon-Onlineshop ist und bleibt aber auch bei diesem Modell eine wichtige Komponente. Um den Service nutzen zu können, melden sich die Kunden über die Amazon-App im System an. Darüber können sie dann beim Einkauf identifiziert und und die Waren abgerechnet werden. Nimmt ein Kunde ein Produkt aus dem Regal, wird dieses automatisch dem jeweiligen Onlinekonto zugefügt. Entscheidet er sich doch noch um und stellt es zurück, wird das Produkt wieder aus dem Warenkorb entfernt. Beim Verlassen des Ladens wird der finale Betrag dann vom Amazon-Konto abgebucht wie bei einem herkömmlichen Onlineeinkauf auch.

 

Aktiv getestet wird der Shop derzeit von Amazon-Mitarbeitern. Ganz ähnliche Erfahrungswerte hat der Retailer bereits mit stationären Buchläden gesammelt. Ebenfalls in Seattle eröffnete er im Jahr 2015 seinen ersten Amazon-Bookstore. Auch hier profitiert der Internetriese von den vorhandenen Kundendaten. In die Regale kommen die Titel, die online gerade am besten laufen. Damit verspricht man sich, viel zielgerichteter auf die Kundenbedürfnisse eingehen zu können als die reine Onlinekonkurrenz. Eine kleine Tafel neben den Büchern gibt zum Beispiel nicht nur Auskunft über den aktuellen Amazon Verkaufsrang, sondern präsentiert auch ausgewählte Onlinebewertungen von Nutzern. In einer Ecke des Geschäfts stellen außerdem Mitarbeiter ihre Favoriten vor, unter ihnen Amazon-Chef Jeff Bezos. 

 

Die neuen Go-Supermärkte können also auf gewisse Erfahrungswerte setzen und diese in einem Segment zum Einsatz bringen, das extrem stabil und damit für Amazon höchst profitabel ist. Nach ersten Delivery-Ansätzen mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen („Amazon Fresh“ sowie „Amazon Pantry“) kommt nun also vielleicht bald der stationäre Handel hinzu. Damit könnte Amazon dann auch solche Produktgruppen vertreiben, die sich für den Versandhandel weniger eignen, beispielsweise frische oder besonders empfindliche Waren. Ein Szenario, das den klassischen Supermarktketten und Delis den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte.

 

Was aber würde dieser Frontalangriff auf die großen Supermarktketten für den Kunden ändern? Er würde nicht nur digital erfasst, sondern zusätzlich auch analog identifiziert und vermessen, indem seine Gewohnheiten und Bewegungen im Shop ausgewertet werden. Der Amazon Go-Ansatz basiert hierbei auf der Verknüpfung zwischen Daten aus dem Netz und denen der Sensoren vor Ort. „Sensor Fusion“ nennt der Konzern dieses auf lernenden Algorithmen basierende Online-Offline-Prinzip.

 

So expandiert der US-Konzern nach und nach in weitere Kundensegmente. Erst kürzlich wurde in Deutschland der neue Dienst „Amazon Business“ gelauncht, der gezielt auf Geschäftskunden ausgerichtet ist. Mit einem umfassenden Angebot von über 100 Millionen Produkten konzentriert sich der Marktplatz, der auch für externe Händler offen ist, beispielsweise auf Bürobedarf, aber auch Handwerksbetriebe oder Restaurants. Neben der Möglichkeit, Firmenkonten mit mehreren Nutzerzugängen anzulegen, erlaubt Amazon Business auch den Kauf auf Rechnung und den Ausweis von Nettopreisen sowie die Anbindung von gängiger Einkaufssoftware. Der in den USA bereits 2015 gestartete Service habe dort nach Aussage von Amazon im ersten Jahr bereits einen Milliardenumsatz generiert.

 

Auch mit den eigenen Lieferdiensten Prime und Prime Now versucht man, die Lücke zum Kunden im analogen Raum immer weiter zu schließen. Neben der persönlichen Übergabe durch Amazon-Fahrer sollen zukün ig deswegen auch lokale Pick-up-Stores geplant sein, an denen die zuvor bestellte Ware kurz nach der Onlineorder abgeholt werden kann. Hinzu kommen zahlreiche Experimente zu Internet of Things (IoT) gestütztem Shopping, so zum Beispiel mit der sprachgesteuerten Amazon Echo Box oder dem ebenfalls kürzlich vorgestellten Dashbutton, der wiederkehrende Bestellungen mit nur einem Knopfdruck erlaubt. Und wer sich dann immer noch nicht zum Kauf entschließt, der wird in der Amazon-Heimat Seattle zusätzlich durch den „Treasure Truck“, einem Lkw bis unter das Dach voll mit Amazon-Sonderangeboten, in Versuchung geführt. Kunden können die Waren auf dem Truck per App ordern und nach Hause liefern lassen.

 

Letztlich konnte der Konzern im Jahr 2015 seinen Umsatz auf über 100 Milliarden US-Dollar weltweit steigern, den in Deutschland auf immerhin knapp 12 Milliarden, Tendenz stark steigend. Trotzdem oder gerade deswegen lockt das lukrative Geschäft mit den Lebensmitteln. Allein die deutschen Discounter Aldi und Lidl verzeichneten 2015 gemeinsam einen Umsatz von knapp 50 Milliarden Euro. In den USA setzten die dortigen Grocery Stores mit Schwergewichten wie der Walmart-Kette im Jahr 2015 sogar über 600 Milliarden US-Dollar um. Ein Markt, den sich Amazon nur ungern entgehen lassen möchte.

 

Neben der Option, mit Amazon Go ein eigenes Filialnetz aufzubauen und zu betreiben, sind aus Branchenkreisen derweil auch schon erste Spekulationen darüber zu hören, ob Amazon – ganz ähnlich dem Prinzip seiner Webservices – lediglich als Innovationstreiber und Infrastrukturlieferant fungieren könnte. Kunden wären in diesem Fall die großen Einzelhandelsketten, die mittels Amazon-Technologie ihre Stores umrüsten wollen. Es wäre in der Tat nicht das erste Mal, dass Amazon mehr an einer Idee verdient als an der eigenen Ausführung. Mit den Webservices setzt das Unternehmen bereits Milliarden um. Könnte Amazon im Hintergrund also leise mitverdienen wollen, ohne sich selbst um Tausende von Supermärkten weltweit kümmern zu müssen? Fest steht, im Jahr 2013 hat der Konzern das Patent „Transitioning items from a materials handling facility“, also ein System für die Nachverfolgung von aus Regalen entnommenen Artikeln, angemeldet. Ein weiteres Patent besteht für die Art und Weise, Artikel zu bezahlen, ohne an einer Kasse Schlange stehen zu müssen.

 

Doch egal, ob selbst umgesetzt oder als Serviceprovider, das Erfolgsrezept scheint dabei stets zu sein, besser und schneller auf die Kundenbedürfnisse einzugehen als die Konkurrenz. Ein ähnlicher Ansatz ist jetzt auch bei den stationären Geschäften zu beobachten. Dabei ist gerade die Idee, Kassensysteme abzuschaffen, in der Branche längst nicht neu. Neben den mitunter langen Wartezeiten für die Kunden sind sie besonders personal- und damit kostenintensiv für die Händler. Erste Ansätze für automatisierte Kassensysteme sind bislang jedoch nicht über erste Versuchsstadien hinaus gekommen. Umso spannender bleibt es zu beobachten, wie massentauglich die Amazon Go-Stores schlussendlich sein werden und ob wir bald auch in Deutschland bargeldlos unseren Wocheneinkauf erledigen können. Ohne Kleingeldzählen und Bank-Pins, sondern als „Just Walk Out Shopping Experience“, wie Amazon es nennt. 

 

 

Dieser Artikel ist im Original erschienen im Produkt Kultur Magazin Q1/2017 (http://www.produktkulturmagazin.de/) 

 

 

 

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